WIE MAN HEGEL ZUM SINGEN BRINGT
Kieler Nachrichten, 02.09.08
Rezension der 1.Vorpremiere von grundlos eitel!
Lutterbek – Mit dem alten deutschen Volkslied „Kein schöner Land in dieser Zeit“ bringt das Hamburger A-cappella-Comedy-Quartett LaLeLu dann doch noch eine kleine Hommage an das Land der Dichter, Denker und Komponisten, das 2222 – bis auf einige hartnäckig versprengte Dithmarscher – von der Kulturkarte Europas verschwunden sein wird, weil man in Deutschland zwar „grundlos eitel“, aber nicht unbedingt vermehrungsfreudig ist.
Grundlos eitel, so der Titel des neuen Programms, einer komischen Klangreise durch die deutschen Kulturflachländer vom Bonuspunkte-Märchenland bis zur Heimstatt der ödesten Ortsnamen. Angesichts der eitlen Worthülsen von Politikern, wieder mal perfekt in Szene und Stimme gesetzt von Parodistentalent und Bass Tobias Hanf, in stoischer Erwartung des wieder mal verspäteten Unternehmens Zukunft namens Bahn und mit Blick auf das deutsche PISA-Elend sind LaLeLu dabei grundlos uneitel. Denn die Leichtigkeit, mit der sie aus den musikalisch hochkulturellen Kompositionen, Texten und Arrangements von Tenor und LaLeLu-Mastermind Sören Sieg die komödiantischen, choreografischen und nicht zuletzt darstellerischen Funken schlagen, die unmittelbar aufs Publikum überspringen, verdient höchstes Lob und könnte Eitelkeit zur Tugend machen.
Kompositionen und Texte auf hohem Niveau und deren stimmlich präzise und choreografisch treffende Umsetzung sind die eine Sache und gehören zum guten Handwerk einer A-cappella-Combo. Dies aber so unprätentiös und uneitel mit kabarettistisch gereifter Comedy zu verbinden, ist eine andere und in der deutschen A-cappella-Szene sonst so nicht anzutreffen. Einige Beispiele: Ein polyfones Arioso à la Johann Sebastian Bach nachzuschreiben, ist schon ein Meisterstück, aber diesem hochheiligen Gesang dann ein Lamento all der sehr deutschen Ortsnamen mit dem Ödnis-Faktor von Böblingen und Tötensen über Itzehoe bis Laboe als Text zu unterlegen, ist die große Kunst der Musikkomödie. Genauso Bariton Jan Melzers Beatbox mit Fußballernamen als perkussives Klangmaterial. Und nicht anders, wenn Sören im Hip-Hop-Battle der norddeutschen Länder den unangefochtenen Sieg davonträgt – mit dem im Lutterbeker begeistert mitgerappten Vers „Zieh' dir den Style rein, nichts kann so geil sein wie Schleswig-Holstein!“
Schließlich der Gipfel der gelungenen Parodie auf die deutsche Eitelkeit, das Land der größten Philosophen zu sein: Tobias Hanf als kundiger Trucker, der Hegels Definition des Begriffs „Begriff“ textgetreu in einem Country-Song-Imitat rezitiert. So wird der olle Hegel, ja, der gesamte deutsche Idealismus, zum volksnahen Singen, zum Grooven gebracht. Nicht weniger gelungen ist die „Mischung aus einer Mecklenburg-Vorpommerin und einem Finnen“, die neue Sängerin Sanna Nyman. Nicht nur äußerlich macht sie eine gute Figur, auch ihr Mezzosopran, der sich ebenso organisch in Sören Siegs dichte Chorsätze einfügt, wie er Soul- und Jazz-Potenzial in den Solo-Nummern entfaltet. Zudem übernimmt Nyman spielerisch leicht die Rolle der „Mauerschau“ auf das Land im Herzen Europas, als Hot-Stuff-Disco-Queen und als baltische Nachbarin mit nordisch coolem Augenaufschlag auf die „hartgekochten Weicheier“ aus dem deutschen Norden. Erfolg also auf ganzer Linie für das neue LaLeLu-Programm, gekrönt von einem Beifall, der die vier Musik-komödianten aus gutem Grund eitel machen könnte.
Von Jörg Meyer
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