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JAN MELZER: DIESER MANN IST EINE GANZE BAND

Hamburger Abendblatt / Journal, 17. 11.2007
Solo. Er spielt Klavier. Und Gitarre. Und Schlagzeug. Und Saxofon. Und ... singen kann er auch.



Seit vielen Jahren schwirren Songs in seinem Kopf herum. Sie fallen ihm unter der Dusche, im Auto oder beim Kochen ein. Jetzt hat der professionelle A-capella-Sänger Jan Melzer ein Album aufgenommen, mit einer ganz eigenen Methode. Herausgekommen ist eine außergewöhnlich facettenreiche Platte.
 
 
„Denn ich will nur Musik, meine kleine Musik, meine geile Musik.“ Das ist der Refrain seines zuletzt eingespielten Liedes. Tatsächlich ist es der Anfang einer der wohl ungewöhnlichsten Hamburger CD-Produktionen des Jahres. Die Geschichte des 38 Jahre alten Musikers Jan Melzer, der für zehn Wochen in sein Kinderzimmer im Haus seiner Eltern zurückkehrte, um sich genau dort den Wunsch zu erfüllen, den er schon seit seiner Jugend hatte: ein eigenes Album zu machen.
Wobei Jan Melzer mit dem Begriff eigen sehr eigen ist. Helfen sollte ihm bei seinem ersten Solo-Projekt wirklich niemand. Kein Producer, kein Songwriter, kein Gitarrist oder Drummer, ja nicht einmal ein Fotograf für das CD-Cover. Die einzige Hilfe, die er in den zweieinhalb Monaten musikalischer Abgeschiedenheit annahm, war die seiner Mutter in Form eines täglich frisch gekochten Mittagessens.
Den Rest machte der Hamburger „ganz allein“. Die 17 Lieder, ausgewählt aus knapp 80, die in seinem Kopf waren, hat er selbst geschrieben und gesungen. Saxofon, Gitarre, Drums, Percussion, Bass, Keyboard – alles Jan Melzer. „Die meisten Instrumente hatte ich sowieso“, sagt er. Und: „Diese CD konnte nur funktionieren, weil ich sie allein gemacht habe. Ich wollte mein persönliches Verhältnis zur Musik zum Ausdruck bringen, das vollkommen vorurteilsfrei ist.“
Er sei kein Ideologe, der Hip-Hop ablehne, weil es Sido gibt oder „DSDS“, weil Dieter Bohlen in der Jury sitze. „Für mich gibt es nicht richtige oder falsche, sondern nur gute oder nicht so gute Musik“, sagt er. Wobei eine Anspielung auf die Omnipräsenten natürlich nicht fehlen darf. Im Lied „Musik“ heißt es dazu: „Dieter Bohlen, welche Farbe hat dein Klostein? Kann ein Superstargewinner wirklich froh sein?“
Nein, es ist kein Neid, der Jan Melzer zu solchen Zeilen treibt. Natürlich hat er mit seiner Musik nicht so viel Geld verdient wie Dieter Bohlen. Dafür kann er singen. Seit mehr als zehn Jahren gehört der ehemalige Student der Hamburger Musikhochschule zu „LaLeLu“, der inzwischen neben den „Wise Guys“ aus Köln erfolgreichsten und bekanntesten A-capella-Gruppe Deutschlands. 120 Konzerte pro Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Hamburger Laeiszhalle und das Deutsche Haus in Flensburg mit bis zu 2000 Zuschauern ausverkauft, mehrere hochdotierte Preise, Plattenvertrag und acht CDs, „LaLeLu“ ist längst ein ertragreiches Unternehmen, das nicht nur vier Sänger, sondern auch Management, Regisseur und Techniker ernährt. Die Hamburger waren zuletzt so erfolgreich, dass sie sich eine dreimonatige Kreativpause gönnten. Genau die Zeit, die Jan Melzer brauchte. Und auf die er solange gewartet hatte. Für sein Soloprojekt.
Während einer seiner Kollegen ein Buch schrieb, kehrte er in sein Elternhaus zurück. Baute in seinem alten Kinderzimmer ein kleines Tonstudio auf. Die Fitnessbank seines Vaters musste dem Schlagzeug weichen. Hier spielte er nacheinander alle Songs ein.
„Zuerst habe ich immer Klavier gespielt und gesungen, danach dann Stück für Stück alle anderen Instrumente aufgenommen.“, sagt der Musiker. Am Schluss habe er die einzelnen Tonspuren am Computer zusammengemischt. Auf diese Weise nahm Melzer 30 Stücke auf, die besten 17 wurden auf eine CD gebrannt.
Ein Projekt, das für viele andere Musiker unmöglich wäre. Doch Jan Melzer ist ein musikalisches Allroundtalent. Bereits seit seinem sechsten Lebensjahr spielt der Mann mit den langen dunklen Locken Schlagzeug. Zuerst im Spielmannszug, später in Schülerbands. Mit zwölf Jahren begann er mit Klavierunterricht, wenig später kam noch das Saxofon dazu. Den geradezu virtuosen Umgang mit diesem Instrument verfeinerte Melzer später noch in seinem Musikstudium. Gitarre, Bass, Percussion und viele andere Instrumente brachte er sich im Laufe der Jahre selbst bei. Herausgekommen bei diesem eher außergewöhnlichen Solo-Projekt ist eine CD, die moderne Musik in ihren vielen Facetten zeigt, Hip-Hop genauso wie Chanson, Blues, Pop und Buena Vista Social Club. Eine Hommage an Künstler wie Lenny Kravitz und Rio Reiser, vor allem aber an die Musik, an das Leben durch Musik – und all das auf Deutsch. „Natürlich auf Deutsch“, sagt Jan Melzer. „Das ist die Sprache in der ich denke, fühle – und singe.“
Seine CD heißt „Räum deine Zimmer auf“. Genau das hat er natürlich längst getan. Das Kinderzimmer ist wieder leer, der Vater kann seine Fitnessbank wieder nutzen, die Mutter kocht nur noch für den Vater, und Jan Melzer ist wieder mit „LaLeLu“ auf Tour. Und das Album? Erst durften es nur Freunde und die engste Familie hören, dann auch Bekannte und Verwandte. Inzwischen zieht die ungewöhnliche Scheibe immer weitere Kreise: Ob sie der Einstieg in die Solo-Karriere wird? Ob sie eines Tages mal in den CD-Regalen der Kaufhäuser liegt? Oder, noch besser, im Internet gegen Bezahlung runtergeladen wird? Jan Melzer weiß es nicht. Nicht, dass es ihm gleichgültig wäre, dass er sich nicht über die vielen positiven Kritiken freuen würde – aber eigentlich hat er das Ziel seines Solo-Projekts längst erreicht: „Ich habe diese CD vor allem für mich gemacht. Nur für mich.“ Sagt es, steigt ins Auto, dreht das Radio auf und singt laut sein Lied mit: „Denn ich will nur Musik, meine kleine Musik, meine geile Musik. Ja, ich liebe Musik.“

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