ELITÄRE KUNST AUFS KORN GENOMMEN
Westfalenblatt, 06.05.2008
Hamburger A-cappella-Gruppe "LaLeLu" erzeugt kollektiven Lachanfall in der Stadthalle
Gütersloh (WB). Schon nach einer halben Stunde ist die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Das schmerzhafte stechen in der Zwerchfellgegend wird unerträglich, die erste Reihe bringt nur noch erstickte Quietschlaute hervor und andere schnappen wie Ertrinkende nach Luft. Verantwortluch für diesen kollektiven Lachanfall war die Hamburger A-cappella-Gruppe „LaLeLu“.
Die legte am Sonntag im Rahmen der vom Jugendkulturring organisierten „15. Gütersloher A-cappella-Nacht“ in der Stadthalle die klügste, witzigste und kunstvollste Bühnenperformance hin, die Gütersloh seit langem erlebt haben dürfte. Ihr Programm „Große Kunst. Für ganz viel Geld“, eine vernichtende und unglaublich komische Parodie auf die elitäre Kunst. So ließen die vier Ausnahmekünstler den Barockkomponisten Georg Philip Telemann persönlich seine „Kontaktanzeigen-Kantate“ singen, „Ich bin ein Kuschelbär“ lässt es dieser – ausgestattet mit einer monströsen Perücke – durch den Saal tönen, begleitet von einem imaginären Streichensemble. Wenig später fand sich Telemann auf einer Couch wieder, um mit einem Klischee-Türken mit Turban Flirtstrategien auszutauschen.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen nicht die drei Männer, sondern das finnische Stimmwunder Sanna Nyman, Femme fatale und freche Göre in einem, die in der Lage ist, sowohl mit Opernarien als auch mit Kinderliedern die Ohren klingeln zu lassen. Mit hochgeschlitztem Paillettenkleid stolziert sie katzenhaft über die Bühne, darauf aus, der Männerwelt den Atmen zu rauben und auf einen hatte sie es besonders abgesehen: Andreas Thomas kommt aus Werther, sitz in der ersten reihe und (…) nichts Bösem, als er Moderator Sören Sieg seinen Namen verrät. Erst widmen ihm „LaLeLu“ eine schmetternde Ballade uns Sanna Nyman macht ihm von der Bühne aus Avancen, um danach auf seinem Schoß zu landen. Am Ende bieten sie sein Haus ungefragt zur Miete an, „inklusive Weinkeller“, wie Sören Sieg sagt und laden das Publikum ein, besagtem Andreas Thomas zumindest einen Besuch abzustatten. Dann lassen sie den imaginären Schlagersänger Florian Klüver auftreten, eine Heino-Kopie mit knallig-pinker Brille, der eine „regelrecht verliebte“ Popballade – natürlich Playback – säuselt und skandieren „moderne“ Kinderlieder mit rotzigen Refrains wie „Ich will Pfannkuchen“ oder das christlich-korrekte „Ein Volltreffer Gottes bist du“. Die „große Kunst“ verlieren die Hamburger dabei trotzdem nie aus dem Auge, der experimentellen Zwölftonmusik eines Alban Berg erteilen sie eine Abfuhr mittels Gänsehaut erzeugender Dissonanzen und treten als selbst kasteiende Mönche auf, um mit „Comedy im Mittelalter“ gregorianisch gesungenen schwarzen Humor zu präsentieren.
Regelrecht leid tat einem da die A-cappella-Gruppe „Tovocant“ aus Bielefeld, die ihre Sache auch ganz gut machte, aber an diesem Abend im Schatten von „LaLeLu“ stand.
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