„Bei Omi hab ich auch noch fünf Euro!“
Wie ein Siebenjähriger die Welt verändert –
Schönen Sonntag!
„Also, ich spende auf jeden Fall was für
Haiti!“ verkündet Leo beim Frühstück.
„Du?“ Lukas streut sich Zimt und Zucker
über seinen Grießbrei. „Du hast doch kei-
nen Cent über!“ – „Ich hab noch zwei Euro
in meinem Sparschwein!“ sagt Leo. Er ist
sieben Jahre jünger als Lukas, aber das ha-
ben sie gemeinsam: sie sind chronisch plei-
te. „Zwei Euro!“ Lukas Stimme überschlägt
sich vor Lachen. „Davon können Sie ja in
Port-au-Prince den Präsidentenpalast UND
das UN-Hauptquartier wieder aufbauen!“ –
„Ich krieg außerdem noch Taschengeld!“
kontert Leo. „Und mit dem Taschengeld
von nächster Woche sind das schon 4,40!“
– „Wao!“ höhnt Lukas. „Und die EU hat
gerade beschlossen, 450 Millionen zu spen-
den!“ – „Na und?“ sagt Leo. „Damit helfen
sie vielleicht 50.000 Kindern. Und dem
nächsten Kind helfe ICH! Weißt du wie
schlecht es denen geht? Die haben teilweise
gar keine Eltern mehr!“
Lina löffelt Cornflakes. „Ja, aber das
Problem ist“, erklärt sie, „da ist alles so ka-
putt, dass die Helfer gar nicht durchkom-
men!“ - „Eben“, sagt Lukas. „Da ist sowie-
so nix mehr zu retten.“ – „Gar nicht!“ wi-
derspricht Leo. „Die haben grade wieder
zwei Kinder aus den Trümmern gerettet!
Hab ich in Logo gesehen!“ Das ist die Sen-
dung auf Kika, die dazu führt, dass Kinder
in Deutschland besser informiert sind als
ihre Eltern. „Und übrigens: bei Omi hab ich
auch noch Geld“, fällt ihm ein. „Fünf Euro!
Da bin ich schon bei 9,40!“ – „Ich sammel
auch für Haiti“, sagt Lukas. „Und von dem
Geld kauf ich mir dann 'ne neue G-Star.“
Seine Lieblingsjeansmarke. „Du bist so
doof!“ sagt Lina. „Auf hundert!“ sagt Lu-
kas. „Und Ihr rettet die Welt!“
Das war Montag. Mittwoch kommt Leo
nach der Schule in die Wohnung gestürmt.
„Jetzt spendet unsere ganze Klasse!“ jubelt
er. „Wie kommt das denn?“ frage ich. „Na-
ja, ich hab im Klassenrat gesagt, dass wir
hier im Warmen und Trockenen sitzen. Und
die haben nicht mal Zelte. Und dass ich
zehn Euro spende. Da wollten plötzlich alle
spenden. Das werden über 200 Euro!“ –
„Das hat funktioniert?“ fragt Lina. „Das
probier ich auch!“
Freitag frage ich Leo beim Abendbrot:
„Und? Wie viel spendet Ihr jetzt für Haiti?“
Leo beißt zufrieden von seinem Kartoffel-
brot ab. „Unsere Klassensprecherin hat das
überall rumerzählt. Jetzt spendet die ganze
Schule. Sind schon über 3000 Euro zu-
sammengekommen!“
Er ist sieben Jahre alt. Und grade mal
1,30 groß. Er hat ein Jahreseinkommen von
65 Euro. Und hat 3000 Euro mobilisiert.
Jetzt rechnen Sie das mal auf IHR Jahrsein-
kommen um. Und gehen Sie an die Arbeit!
In diesem Sinne: Schönen Sonntag!