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Weserkurierkolumne "Sternenkrähen"

"Ich hab 'ne super Idee, Papa!" verkündet Leo.
"Ein Sternenhimmelbecher!" Ich bin mit ihm,
Lina und Lukas heimlich im Keramik-selbst-
bemalen-Laden. Die Kinder bepinseln die
weißen Modelle, die Betreiberin brennt das
Ergebnis, und meine Frau kann ihren Earl Grey
aus den Bechern ihrer Kinder trinken. Lina
zeichnet mit Bleistift eine Weihnachts-
landschaft auf ihrem Becher vor: ein Reh
zwischen Tannen, Schneeflocken, Kinder auf
einem Schlitten. Ich kann mit 43 noch nicht so
gut malen wie sie mit neun. Bis Ladenschluss
wird sie hier sitzen, zeichnen und dann filigran
die Farben auftragen. "Und was machst du?"
frage ich Lukas. "Chill, Digger", raunzt seine
heisere Stimmbruchstimme. "Alles gut." Der
klassische Zwei-Wort-Satz. Ich fürchte mich.
Leo hat unterdessen gelbe und schwarze Farbe
geholt. "Erst malst du die Sterne, dann den
Himmel drumrum!" helfe ich. "Papaa!" sagt er
und guckt mich vorwurfsvoll an. "Ich weiß, wie
man sowas macht!" Er beginnt, gelbe Figuren
auf den Becher zu malen. "Sind das die
Sterne?" frage ich. Er antwortet nicht. "Leo,
vielleicht solltest du die Sterne erst vor-
zeichnen?" Lina guckt auf seinen Becher. "Sind
das Krähen?" fragt sie. "Das sind Sterne!" sagt
er. "Sieht aber aus wie Krähen." – "Gar nicht!" –
"Pass mal auf", moderiere ich, "ich kenn da
einen Trick." Ich nehme einen Bleistift. "Du
zeichnest erst ein Dreieck..." – "Nicht auf den
Becher!" ruft Leo. Ich suche ein Stück Papier.
"So, erst ein Dreieck, dann das andere Dreieck
umgekehrt drüber – fertig ist der Stern!" Leo
nimmt mir den Bleistift aus der Hand und
probiert es auf dem Becher. Etwas krakelig,
aber schon sehr viel sterniger. Dann nimmt er
den Pinsel und malt die Linien nach. "Vielleicht
solltest du einen dünneren Pinsel nehmen",
schlage ich vor. "Mit dem dicken Pinsel..." –
"Papaa!" sagt Leo. "Ist das mein Becher oder
dein Becher?" Ich lächele hilflos. Leo malt
weiter. "Krähenhimmel", kommentiert Lina, die
gerade die Mütze des Kindes auf dem Schlitten
zeichnet. "Ihr seid so dumm!" sagt Leo. Und
nimmt einen dünneren Pinsel. Gottseidank. Die
Sterne gelingen einigermaßen. "Und wie soll
ich jetzt den Himmel machen?" fragt er. "Du
musst drumrum malen!" Er verzieht den Mund.
Und legt los. Immer wieder gerät ihm schwarze
Farbe auf die Sterne. "Super!" mault er. "Alles
geht kaputt!" - "Anders wäre es nicht
gegangen", tröste ich ihn. "Gelb auf Schwarz..."
- "Toll! Und die Sterne sehen nicht mal wie
Sterne aus!" Tränen stehen ihm in den Augen.
"Ich schmeiß das weg!" – "Quatsch", sage ich.
"Man muss nicht immer gegenständlich
malen..." - "Ich find die super", sagt Lukas. Er
hat sein Motiv schon fast fertig. Ein großer,
grüner Totenkopf auf rosa Hintergrund. In
diesem Sinne: einen schönen vierten Advent!

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