Wie man in Musik eine sechs bekommt – Schönen Sonntag!
„Übrigens“, erzählt Lukas am Mittagstisch, „in Musik krieg ich 'ne 6.“ – „Wie bitte?“ frage ich. Mein Opa war Musiker. Ich bin Musiker. Und nun das. „Das war 'n Notendiktat“, berichtet er. „Erst hab ich aus Versehen mitgesummt, da ist er schon ausgeflippt. Beim Rhythmusdiktat rennt er dann schreiend auf mich zu, reißt mir das Heft aus der Hand und gibt mir 'ne 6. Angeblich hab ich mit dem Fuß mit geklopft. Nachher geh ich hin und sage: Herr Fuß...“ – „Wie heißt der?“ fragt Leo. „Fuß. Also ich sage: ich hab nicht mal gemerkt, dass ich...“ Leo kichert. „Also ich würd’ dann sagen: Äh, Herr Schweißfuß, irgendwas riecht hier...“ Lina lacht sich schlapp. „Nee, du sagst: ist hier irgendwo ein Plattfußindianer?“ – „Sehr witzig“, sagt Lukas. „Der Typ ist sowieso 'ne Vollkatastrophe...“
Das Telefon klingelt. Ich nehme den Hörer ab. „Ja, Fuß?“ sage ich. Die Kleinen kringeln sich vor Lachen. „Hier Fuß“, meldet sich eine Kermitstimme. „Ich hätte gerne den Vater von Lukas gesprochen.“ Ich laufe dunkelrot an. „Am Apparat“, stottere ich und flüchte ins Nebenzimmer.
„Ihr Sohn hat heute leider massiv den Musiktest gestört. Erst durch Summen, dann durch lautes Fußklopfen. Ich war gezwungen, ihm eine 6 zu geben!“ - „Es tut mir wirklich Leid“, sage ich. „Wissen Sie, Lukas liebt Musik. Von den Ärzten bis Peter Fox, von Pink bis Reamonn...“ - „Aha.“ Es klingt, als habe er die Namen noch nie gehört. „Es war bestimmt keine Absicht“, sage ich. „Wissen Sie, wenn man kein Instrument spielt, sind Noten eine sehr abstrakte Sache...“ - „Der Lehrplan“, sagt Fuß, „sieht ganz klar vor...“
Ich erinnere mich. 1980 wurde meine erste Freundin von unsrem Musiklehrer mit den drei Formen der Molltonleiter gequält. Sie stand an der Tafel, Tränen in den Augen. Vielleicht sollte man mit Musik generell niemand quälen? Genauer gesagt: Mit Notenlehre? Wer braucht sowas?
„Wussten Sie eigentlich, dass die erfolgreichsten Komponisten des 20.Jahrhunderts keine Noten konnten?“ frage ich. „Wer denn bitte?“ - „Irving Berlin, Paul McCartney und Michael Jackson.“ – „Sicher“, sagt Fuß. Ich fürchte, die kennt er auch nicht. „Aber in der 8.Klasse des Gymnasiums...“ Jetzt doziert er zehn Minuten am Stück. Ich würde es keine Stunde in seinem Unterricht aushalten. „Sie haben völlig Recht“, sage ich am Ende. „Aber vielleicht geben Sie Lukas trotzdem noch eine Chance. Er ist ein Riesenfan Ihres Unterrichts!“ Fuß räuspert sich verlegen. „Nun, wenn es so ist...“ Was tut man nicht alles für seine Kinder! In diesem Sinne:
Schönen Sonntag!