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Weserkurierkolumne "Besuch doch mal wieder Joshua"

Wenn Kinder Karrierechancen eröffnen –
Schönen Sonntag!

Leo hat einen neuen Freund: Joshua. „Wie
macht Ihr das bloß?“ fragt mich sein Vater
Georg beim Abholen. „Leo hat ja wohl
ALLES gelesen! Eddie Dickens, die Franz-
geschichten, die Olchis...“ Ich nicke verle-
gen. „Naja, das meiste hab ich vorgele-
sen...“ – „Würd ich auch gern!“ seufzt Ge-
org. „Aber da streikt Joshua!“ – „Manch-
mal hat es ja was mit Vorbild zu tun“, sage
ich und versuche, dabei nicht lehrerhaft zu
wirken. „Lest Ihr denn selbst viel?“ Georg
lacht. „Ich bin beim Wedelverlag!“ Ich
schlucke. Eine der größten deutschen Ver-
lage. Drei Roman-Manuskripte hab ich dort
schon hingeschickt. Und immer nach zwei
Wochen zurückbekommen: Passt leider
nicht in unser Konzept.
„Und was machst du da?“ frage ich mög-
lichst unverfänglich. „Naja, ich bin Pro-
grammchef.“ Ich fass es nicht. Seit Jahren
versuche ich vergeblich, einen Roman zu
veröffentlichen. Und vor mir steht der Pro-
grammchef des Wedelverlags!
„Und?“ fragt Eva abends. „Hast du ihm
von deinen Projekten erzählt?“ – „Natürlich
nicht! Ich fall doch nicht gleich mit der Tür
ins Haus!“ Die nächsten Tage warte ich
vergeblich darauf, dass Leo mal wieder Jo-
shua mitbringt. „Sag mal“, spreche ich ihn
Mittwoch an, „wann kommt Joshua denn
mal wieder?“ – „Och, der will unbedingt,
dass ich ihn besuche. Aber der wohnt so
weit weg.“ – „Ich bring dich hin!“ jubele
ich. „Wie denn, Papa?“ Wir haben ja kein
Auto. „Mit dem Rad! Ich nehm dich hinten
drauf!“ – „Echt? Super-Papa!“
Es ist zwar lebensgefährlich auf den ver-
eisten Radwegen, aber was soll’s: in mei-
nem Rucksack liegt das Manuskript meines
letzten Romans. Und das werde ich ihm ge-
ben! Die Wohnung übertrifft noch alle Er-
wartungen. Sechs Zimmer Altbau, Bücher-
regale bis zur Decke. Ich habe Glück: Ge-
org ist da. „Bekommt Ihr eigentlich viele
Manuskripte zugesandt?“ frage ich ihn wie
nebenbei. „60 am Tag“, stöhnt er. „Und al-
les Schrott!“ Ich lächele tapfer. Auf dem
Sofa sitzt Joshua und spielt Gameboy. Für
Leo scheint er sich nicht zu interessieren.
„Liest du die denn überhaupt?“ frage ich.
Georg lacht wie über einen guten Witz.
„Wofür gibt’s Praktikanten?“ – „Und, äh –
gucken die da rein?“ – „Who cares? Jeder
Lehrer hat heute 'n Roman in der Schubla-
de. Jeder Schaffner! Die denken alle, sie
wären der neue Hemingway. Du glaubst
nicht, wer mir alles Manuskripte in die
Hand drückt - das Grauen! Wenn ich Kanz-
ler wäre, würd ich erstmal 'n Schreibverbot
erlassen!“ Ich glaub, meinen Roman geb’
ich ihm lieber erst nächstes Mal. In diesem
Sinne: Schönen Sonntag!

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