LaLeLu verleiht die Goldene Pomade im Februar 2009 an:
Begründung der Jury:
(Laudatio: Sören)
Schon vor fünfzehn Jahren durfte ich beobachten, wie Roger Willemsen auf der Geburtstagsfeier des Ex-Wirtschaftsministers Lahnstein eine Rede hielt, in der der Anteil der Zitate von Larochefoucauld, Camus, Montaigne, Flaubert, Proust, Voltaire, Diderot und Stendal größer war als der Anteil selbstformulierter Sätze. Dabei versuchte Willemsen den Anschein zu erwecken, er habe diese Bonmots alle zufällig beim Durchlesen der Gesamtausgaben gefunden, während das sinnlose Aneinanderreihen dieser pseudo-geistreichen Apercus eher nahe legte, er habe gerade das Buch "Französische Zitate für Angeber" erworben.
Willemsen kann schreiben. Zweifellos. Ich habe seine Kolumne in der zwischenzeitig pleitegegangenen Wochenzeitung Die Woche immer gern gelesen. Leider kommt ihm seine Eitelkeit immer wieder dazwischen, dringt an die Oberfläche, winkt mit beiden Händen. So in seinem Buch Deutschlandreise, in dem er neben interessanten Beobachtungen immer wieder einflicht, dass nicht nur er dauernd an Sex denkt, wenn er irgendeine hübsche Frau sieht, sondern auch sie, sobald sie ihn sieht. Oder das Plakat zu seinem aktuellen Kleinkunstprogramm "Und du so?", in dem er pseudo-bescheiden hinter einem edlen, klassisch-weinroten Theatervorhang hervorlugt.
Und nun fällt mir bei der Suche nach einem Restaurant zum Valentinstag eine Szene-Hamburg-Essen+Trinken-Heft in die Hände, in der sich Willemsen erstmals auch als Restaurantkritiker betätigt. Und zwar, wie könnte es anders sein, in der Kategorie "Gourmandie".
Vier Kritiken steuert der Mann bei, dessen Habilitation über den Selbstmord in der Literatur Fragment blieb. Ehe man sich erhängt, lieber mal feststellen: "Wer hier zur Eröffnung eines runden Abends Brust und Praline von der Wachtel auf ligurischer Oliventapendade und altem Balsamico (14 Euro) probiert, dem öffnen sich neue Zonen auf dem Gaumen, und auch der anschließende Rücken vom Salzwiesenlamm mit Senf-Sariette-Kruste und Ziegenkäse samt Feigentortellini (23 Euro) ist raffiniert, aber nicht überdreht. Die Flasche Sancerre Harmonie (68 Euro) war eine ideale Begleiterin."
Wir erkennen das Prinzip aus der Lahnstein-Rede wieder: drei Viertel der Zeilen lassen sich schon dadurch schinden, dass man die endlosen Namen der Gerichte zitiert.
Willemsen lässt sich nicht auf langweiliges Abwägen ein. Entweder das Restaurant wird komplett verrissen, wie die Insel am Alsterufer: "Ich versuchte es mit Königsberger Klopsen, die aber leicht überwürzt waren und beim Anblick der Gabel freiwillig zerfielen". Oder Die Bank: "Nie sah ich in einem abendlichen Lokal so viele Schlipse um Teller herumhängen wie hier".
Oder aber Willemsen adelt. Erstens den Jahreszeiten-Grill: "Sollten Sie bei Grill an Fettbuden denken – dieser hier gibt dem Namen Grill seine Würde zurück." Und zweitens Le Canard Nouveau: "Da die Tische einigen Abstand haben, vermischt sich allein im Räumlichen das Intime mit dem Weltoffenen. Der ideale Ort also für einen großen Abend."Willemsen – der Philosoph der Restaurant-Innenarchitektur.
Gekrönt und abgerundet wird dieses Rumgeeitel durch das Foto, das Willemsen der Redaktion zur Verfügung stellte: er selbst im dunkelgrünen Jackett, mit hellgrünem Hemd, und – auf einem Fahrrad!! Lieber Roger, sollen wir dir wirklich glauben, dass du zum Großen Abend im Le Canard Nouveau auf dem Fahrrad anreist? Und was ist dann mit den unvermeidlichen Schlammspuren auf der Anzughose? Vermischt sich da auch das Intime mit dem Weltoffenen? Dafür gibt's unwiderruflich die Goldene Pomade! Auch wenn das Heft schon von 2007 ist.